Vorträge

Um die Vielfalt der Freimaurerei und ebenso die Vielfalt unserer Loge zu illustrieren, haben wir hier einige auf Gästeabenden gehaltene Vorträge zusammengestellt. Wir weisen darauf hin, daß jeder Freimaurer seine ganz persönliche Sicht auf die Freimaurerei hat - die im folgenden geäußerten Meinungen sind also keine Dogmen, sondern die persönlichen Auffassungen des jeweiligen Autors. Sie können somit auch der Meinung eines anderen Bruders bzw. einer anderen Schwester widersprechen - sie sind also immer offen für Kritik und konstruktive Diskussionen.

"Melencolia I" von Albrecht Dürer, Kupferstich, 1514

Gästabend vom:

05.06.2009Gotische Dombauhütten(3 Kommentare)
11.04.2008Toleranz im Islam(7 Kommentare)
07.09.2007Die Bearbeitung des Steines
13.04.2007Vortrag zur Lichteinbringung(1 Kommentar)
16.02.2007Das Ritual - Relikt, Notwendigkeit oder Tor zu Höherem?(2 Kommentare)
21.04.2006Humanität und Freimaurerei(1 Kommentar)
19.05.2005Toleranz und Freimaurerei(2 Kommentare)
04.12.2004Das weibliche und das männliche Prinzip in der Freimaurerei(8 Kommentare)
28.09.2004Ist Geiz geil?(10 Kommentare)
25.03.2004Freimaurerei zwischen Tradition und Fortschritt(1 Kommentar)
18.10.2002Die Freimaurer: Ein alter Weisheitsbund für die moderne Zeit(9 Kommentare)

Das weibliche und das männliche Prinzip in der Freimaurerei

von Sr. Helga

Der Anstoß zu diesem Thema kam per Email von einer Frau an unsere Loge. Eigentlich war es gar keine Anfrage, sondern beinhaltete zwei Behauptungen: 1. "Frauen sind in der Freimaurerei vollkommen ausgeschlossen" (die Stellungnahme dazu war nicht weiter schwierig) und 2. "In der Symbolik der Freimaurerei fehlt jegliches weibliches Prinzip." Diese zweite Aussage hat mich irgendwie verblüfft. Keine weiblichen Symbole? Was sind denn überhaupt weibliche Symbole? Haben wir männliche Symbole in der Freimaurerei? So hatte ich darüber eigentlich noch nie nachgedacht. Winkelmaß und Zirkel: männlich? Nein, auf Anhieb sehe ich tatsächlich kein weibliches Symbol in der Freimaurerei, aber auch kein eindeutig männliches.

Ich könnte nicht definieren, was ich unter "weiblich" und was unter "männlich" verstehe. Die feministische Literatur der 60-er Jahre hat darüber z.T. anders gedacht als die heutige psychologische und mehr noch soziologische Forschung, und selbst die nachweisbaren Unterschiede im Sozialverhalten könnten natürlich auf jahrhundertelanger Konditionierung (Erziehung) in einer patriarchalisch geprägten Gesellschaft beruhen. Auf jeden Fall müssen wir einen großen Trugschluss von vornherein vermeiden: Kein lebender Mann verkörpert das "männliche Prinzip", keine einzelne Frau das "weibliche Prinzip" im esoterischen Sinne. Als Menschen sind beide Prinzipien in uns vorhanden, unterschiedlich stark ausgeprägt oder ausgelebt, aber beide doch als Anlage in jedem von uns vorhanden. Biologisch gesehen, haben Männer auch weibliche Hormone und eine rechte Hirnhälfte, die mehr für die als weiblich geltende Intuition und das ganzheitliche Denken zuständig ist, Frauen umgekehrt. Auf psychologischem Gebiet hat C.G. Jung das als Animus und Anima bezeichnet und die jeweils nicht gelebte Seite als "den Schatten", den es für einen erwachsenen und reifen Menschen ebenfalls zu akzeptieren und zu leben gilt.

Graduelle Unterschiede zwischen den Geschlechtern also nur. Einziger harter und nicht anzweifelbarer Fakt ist, dass Männer Kinder zeugen und Frauen Kinder gebären und beide die dafür notwendigen Organe besitzen. Diese Tatsache hat zu erweiterten Analogieschlüssen geführt, die sich in der esoterischen Tradition eingebürgert haben, auch wenn wir als Frauen/Männer sie so nicht ungedingt für uns selbst als zutreffend akzeptieren: etwa, dass männlich das befruchtende, d.h. kreative, aktive Element, weiblich das passiv empfangende, bewahrende Prinzip wäre, so wie - als noch weiter gehender Analogieschluss - die (als männlich gedachte) Sonne, die den (weiblichen) Mond mit ihrem Licht erleuchtet, während dieser es nur passiv reflektiert. Sonne und Mond also als das aktiv-passive Gegensatzpaar, das wohl am frühesten als Symbol für Männlich-Weiblich angesehen wurde. Davon abgeleitet wurden der Tag, das Helle, das Licht als männlich, die Nacht, das Dunkel als weiblich angesehen. Das Element Feuer wurde dem (männlichen) Feuerball Sonne zugeordnet, Wasser als das weibliche Element betrachtet, weil z.B. die Gezeiten mondabhängig sind. Auf die Rolle, die Sonne-Mond, Feuer-Wasser auch bei uns in der Freimaurerei spielen, darauf werde ich zum Schluss noch einmal zurückkommen.

Sehr früh in der Menschheitsgeschichte kommen Darstellungen der weiblichen Vulva und des Phallus in mehr oder weniger abstrahierter Form vor, die, scheinbar sehr vordergründig und uns heute etwas banal und primitiv erscheinend, das Weibliche bzw. das Männliche allein auf das primäre Geschlechtsmerkmal reduzieren. Solche Darstellungen gibt es in vielen Kulturen bis hin noch zu den gar nicht mehr primitiven Griechen. Am bekanntesten ist wohl der Lingam als Symbol der Schöpfungskraft des indischen Gottes Shiva, der meistens in Darstellungen verbunden war/ist mit der weiblichen Entsprechung, der Yoni, dem Symbol der weiblichen Gottheit, der Shakti. Shiva und seine Shakti: beide nur Teilaspekte des Göttlichen, aber einer ohne den anderen nicht handlungsfähig.

Weiter auf der Suche nach männlichen bzw. weiblichen Symbolen, wenn schon nicht in der Freimaurerei, dann anderswo, kam ich auf den so symbolträchtigen und deshalb meist auch ergiebigen Tarot. Wie bei Skat-, Rommé- oder Bridge-Karten gibt es auch im Tarot vier "Farben": Stäbe und Schwerter (beide unschwer als "männlich" einzuordnen) sowie ("weibliche") Kelche (d.h. offene, aufnehmende Gefäße mit Assoziation zum Gral, aber auch zum Uterus) und Scheiben ("die große Runde" als altes Göttinnenidol). Diese vier Farben lassen sich auch in den "großen Arkanen" z.T. wiederfinden. Die 1. Arkan-Karte zeigt den "Magier", der in seiner Gestik das Oben mit dem Unten verbindet; vor ihm liegen auf dem Tisch diese vier Gegenstände (Rider-Tarot). In anderen Darstellungen (Crowley-Tarot) jongliert er gekonnt mit ihnen. Der Magier ist der Weise (die drei Weisen aus dem Morgenland werden auch als die drei Magier bezeichnet). Der Weise also ist in der Lage, sowohl mit den beiden männlichen als auch mit den beiden weiblichen magischen Werkzeugen souverän umgehen, während der auf der Karte 0 dargestellte "Narr" sie noch in seinem Beutel versteckt auf der Schulter trägt und sie erst noch entdecken und auspacken muss, aber auch er hat sie durchaus schon bei sich. Meine Lieblingskarte heißt "Kunst". Sie zeigt eine Frau mit einem dunklen und einem hellen Gesicht, mit einer dunklen männlichen rechten und einer hellen weiblichen linken Hand, die gleichzeitig Feuer und Wasser in eine Schale gießt, aus der ein weißer Löwe und ein roter Adler trinken. Wahrhaft "Königliche Kunst", Feuer und Wasser zu vereinen. Der Löwe und die Feuerfarbe rot gelten als männliche Symbole, der Adler als die höhere Form des dem Wasserelement zugehörigen Skorpions und die Farbe weiß gelten als weiblich. Wenn hier der Löwe weiß und der Adler rot dargestellt sind, soll dies andeuten, dass sie die Transformation, die Integration des jeweils anderen, bereits vollzogen haben. Als ein ähnliches Vereinigungssymbol könnte man übrigens auch die rote ("männlich") Rose ("weiblich") deuten.

Die "Vereinigung der Gegensätze" und östliche/westliche Schöpfungsmythen

Der Mensch im Maß von Dreieck und Zirkel

Wo ich auch nach weiblichen oder männlichen Symbolen suche: So gut wie immer treten sie gemeinsam auf, alle Darstellungen zielen auf die Vereinigung der beiden Prinzipien. Und das ist nun wirklich das Thema, das sich durch alle Kulturen und Zeiten hindurchzieht, die Freimaurerei eingeschlossen: die "Vereinigung der Gegensätze", die Coincidentia oppositorum, eine Art Fachbegriff, den Nikolaus von Kues dafür geschaffen hat. Viele Namen haben die Menschen dieser seit jeher bestehenden Sehnsucht nach Wieder-Zusammenführung des Getrennten gegeben: die heilige Hochzeit, der Hieros gammos, die rituelle Vereinigung der Göttin in Gestalt ihrer Priesterkönigin mit ihrem Heros, die Unio mystica, die chymische Hochzeit der Rosenkreuzer; die ganze spätantike Brautmystik bezieht sich darauf, ebenso das Hohelied des Alten Testaments; der Androgyn ist die offensichtliche Vereinigung des Männlichen und des Weiblichen. Aber auch mit der Quinta essentia oder dem Stein der Weisen oder dem Gold oder der Panazee (dem Allheilmittel) oder dem Hermaphroditen meinten die Alchimisten nichts anderes. Das alles sind nur Metaphern für den einen Wunsch der Menschheit nach Ganzheit, nach Vereinigung des scheinbar Unvereinbaren. Seit jeher haben die Menschen das Gefühl, dass ihnen etwas Wichtiges fehlt, dass sie allein nicht vollkommen sind, nicht heil, und deshalb sind sie immer auf der Suche nach dem Heil, der Heilung, dem Heiland, nach etwas oder jemandem, der sie zurückführt in den glückseligen Zustand der Einheit mit allem, etwas, das Rückkehr zum Ursprung gewährt, in das Paradies, das Reich Gottes, das Nirvana oder wie immer man es nennen mag. Wir Freimaurer reden von unserem Ziel der "Selbstvervollkommnung", wir sprechen von unserer "Suche nach dem verlorenen Meisterwort", das den Sinnzusammenhang der Welt wiederherstellen könnte, - auch das Bilder für die Sehnsucht nach der verlorenen Einheit. Und letztlich ist auch unser utopischer "Tempel der Humanität" nichts anderes.

Offenbar ist diese Trennung vom Ursprung, die dieses Gefühl der Unvollkommenheit und Zerrissenheit in uns Menschen erzeugt hat, schon mit der Erschaffung der Welt geschehen. Die östlichen und die westlichen Schöpfungsmythen erzählen davon in unterschiedlicher Weise und mit unterschiedlichen Konsequenzen für das Weltbild der Menschen [1]. Im indischen Mythos, der die brahmanisch-hinduistischen und buddhistischen Religionen geprägt hat, ist es der Schöpfer selbst, der sich teilt und zur ganzen Schöpfung wird, die Einheit des Schöpfers zerfällt in die Vielfalt der Schöpfung, d.h. alles Irdische ist eine Manifestation dieser einen - allem innewohnenden - göttlichen Substanz. Nach östlicher Auffassung ist also das Göttliche hier auf Erden, man muss nicht - wie in den westlichen Religionen - auf einen "Tag des Herrn" warten, keine Erlösung erhoffen, keine Buße für Sünden tun, niemanden anbeten, sondern es geht allein darum, zu erkennen, dass die Materie nur Täuschung, Maya, ist, die das Göttliche verbirgt, dass die Ureinheit nie aufgehoben wurde und man nur das Sichtbare loslassen muss, um zurückzukehren. Ganz anders in den westlichen monotheistischen Religionen, die nicht nur Judentum, Christentum und Islam, sondern auch die persische Religion des Zoroaster umfassen: Nach deren Vorstellung erschafft Gott die Welt, er selbst aber bleibt außerhalb dieser Welt, er haucht ihr zwar seinen Odem ein, aber sie ist nicht nur formal, sondern auch wesenhaft etwas völlig anderes als er selbst. Damit ist die Zweiheit von Himmel und Erde, von Geist und Materie geschaffen, die Grundlage aller Polaritäten auf dieser Erde. Der dorthin ausgesetzte Mensch bedarf der Erlösung durch die Gnade Gottes, derer er sich durch Opfer und Verehrung würdig erweisen muss (Erlösungsreligion). Dieser Gott ist also von vornherein grundsätzlich von den Menschen ge- und verschieden, er ist der transzendente Gott, der nicht von dieser Welt ist, - im Gegensatz zum immanenten (allem innewohnenden) Gott des Ostens. Beiden Kulturkreisen gemeinsam ist, dass sie eine Schöpferkraft postulieren, die das Universum ins Leben gerufen hat. Wir Freimaurer sprechen von dieser Schöpferkraft bekanntlich als vom "Großen Baumeister aller Welten", und dieser Begriff ist mit beiden Vorstellungen, der des immanenten wie der des transzendenten Gottes, vereinbar und präjudiziert keine religiöse Ausrichtung.

Den Morgen der Schöpfung stellen die Paradiesmythen als eine Zeit des Überflusses und der Abwesenheit von Unvollkommenheit und Tod dar. Aber in diesem Paradies leben keine menschlichen Wesen in unserem Sinne, sondern vormenschliche, die in einem Dämmerzustand ein Scheinleben führen. Um Mensch zu werden, müssen sie das Paradies verlassen und sich aus der ursprünglichen Einheit lösen, und je weiter sie sich im Laufe ihrer Geschichte davon entfernen, umso mehr gewinnen sie an Differenzierung und Individualität, umso komplexer und vielgestaltiger wird ihre Welt. Aber damit verbunden sind auch immer das Gefühl der Unvollkommenheit und die Sehnsucht nach der Einheit. Rückkehr zum Ursprung, ins Paradies würde bedeuten die Beilegung aller Konflikte und die Versöhnung der Menschen untereinander ebenso wie die Versöhnung der Menschen mit den Göttern und mit der Natur. Der utopische Ort "Paradies" ist dort, wo die "Vereinigung der Gegensätze" stattfindet, wo alle Spannungen aufgehoben sind und alle und alles in einem höheren Zusammenhang aufgeht. Das kann entweder regressiv erfolgen, indem man entdifferenziert und seiner Identität beraubt im Absoluten aufgeht. Das würde erfordern, alles, was die eigene Persönlichkeit ausmacht, alles, was man im Laufe der Menschheitsgeschichte und der eigenen Lebensgeschichte an Besonderheit und Individualität erworben hat, aufzugeben: Das ist die Utopie der Mystiker jeglicher Herkunft. Eine zweite Möglichkeit hat die Philosophie dagegen immer wieder zu konstruieren versucht: eine Rückkehr in den Ursprung ohne Beraubung der Identität und ohne Opferung der individuellen Persönlichkeit [2]: Darauf wird zurückzukommen sein.

Aber auch im westlichen Denken hat sich diese Trennung der göttlichen und der irdischen Welt nicht abrupt vollzogen. Auch in den westlichen Mythen sind sich Götter und Menschen noch sehr nah. Götter können sich in Menschen verwandeln, Götter und Menschen in Tiere, Menschen in Heroen. Der Mythos ist, ähnlich wie der Traum und das Märchen, der Bereich, der Nichtidentisches, Ambivalentes, Zweideutiges zulässt, wo Übergänge fließend sind und sich alles in alles verwandeln kann. Die großen Muttergottheiten, wie Ischthar in Mesopotamien, Kali in Indien, Inanna in Sumer, Anath in Kanaan, Sekhmet in Ägypten, waren immer zweigeschlechtlich, waren Frau und Mann, Jungfrau, Mutter und Todesgöttin, lebensspendend und lebensvernichtend, waren Liebesgöttinnen und große Kriegerinnen, Jägerinnen, Töterinnen. Auch all die niederen Gottheiten, die Nymphen, Feen, Genien der Bäume und Flüsse, verwandeln sich ständig. Es gibt Mischwesen, wie den Minotaurus, den Sphinx, die Zentauren, alle keine realen Naturwesen, sondern Zeichenträger des Gestaltwandels, der alle Möglichkeiten der Deutungen und Bedeutungen offen lässt und die Vielfalt einer immer noch vorhandenen Einheit repräsentiert. Das geht noch bis in die griechische Mythologie, in der Zeus in vielen Gestalten auftritt, als der Mensch Amphitrion, als Schwan bei Leda, als Adler bei Ganymed, als Goldregen bei Danae, oder Dionysos in Gestalt eines Stiers, eines Bocks, einer Ziege, eines Panthers usw.

Der für das Abendland so kennzeichnende Dualismus, der das Seiende nicht mehr als ein Ganzheitliches versteht, sondern von der grundsätzlichen Verschiedenheit und Geschiedenheit von Gottheit und Menschheit ausgeht, hat zwei Wurzeln: das biblische Weltbild einerseits und die klassische griechische Philosophie andererseits. Der Dualismus der Renaissance und der Aufklärung sind nur die Fortsetzung der antiken und alttestamentlichen Vorgaben [2].

Der Gott des Alten Testaments, also zunächst der Gott der Juden, aber in der Folge ebenso der Gott der auf dem Judentum aufbauenden Christen und Muslime, ist von Anfang an ein Gott, der sich vom Wesen her charakterisiert als "Ich bin der ich bin", unwandelbar und nicht anschaulich, ein Gott, von dem die Menschen sich "kein Bild" machen sollen, ein Gott, der Tag und Nacht, Land und Wasser, Chaos und Ordnung, Gut und Böse streng voneinander scheidet. So wie er selbst etwas "ganz anderes" als die Menschen ist, so stellen sich die von ihm gewollten Gegensätze auch auf allen Ebenen unseres Lebens dar: Die Welt des Geistes scheint die Welt der Materie, der Dinge und Erscheinungen zu kontrastieren, das Oben ist etwas ganz anderes als das Unten. Die Gegensätze Sein und Nichts, Fülle und Leere, Leben und Tod spiegeln die allgegenwärtigen Polaritäten von hell und dunkel, gut und böse, aktiv und passiv usw. wider. Wir sehen rational ein, dass sie einander bedingen, dass wir etwas nur als hell wahrnehmen, wenn es auch das Dunkle gibt, und dass es das Gute nicht gäbe, wenn alles gut wäre. Die Gegensatzpaare sind ein Konstituens unseres Lebens, der Plus- und der Minuspol der Batterie, die wir brauchen, damit Energie, unsere Lebensenergie fließt. Bricht das Spannungsfeld zusammen, so ist das mit dem Leben nicht vereinbar. Und trotzdem, trotz dieser Einsicht, erleben wir uns als Hin- und Hergerissene zwischen den Polen und wünschen uns nichts mehr, als sie in Harmonie zu vereinen.

Wir Freimaurer haben für diese Polarität das Bild der musivischen Flur mit gleich vielen und gleich großen, regelmäßig sich abwechselnden schwarzen und weißen Quadraten. Im Großen und Ganzen, vor allem im statischen Durchschnitt über längere Zeiträume, scheint das "Helle" und das "Dunkle" im Leben ja auch etwa gleichmäßig verteilt zu sein. Und - um auf das Männliche und das Weibliche zurückzukommen - es gibt wohl auch auf der Erde ungefähr genauso viel Frauen wie Männer.

Die dämonisierte Lilith

Aber beim Aufschreiben unseres abendländischen Schöpfungsmythos im Alten Testament ist eine Verfälschung mit gravierenden Folgen für das Verhältnis von Männern und Frauen vorgenommen worden. Die ursprüngliche westliche Schöpfungsgeschichte lässt sich nur noch aus alten talmudischen Überlieferungen und aus Erzählungen des jüdischen Volksglaubens rekonstruieren [3]. Nach diesen Quellen hat Gott gleichzeitig einen Mann und eine Frau, Adam und Lilith, aus gleichem Material, aus Erde, geschaffen. Beide waren sich ebenbürtig (wie das ja auch bei allen anderen Gegensatzpaaren und bei der musivischen Flur ist), die Balance war also ausgewogen. Damit hätte unser Schöpfungsmythos besser enden sollen, denn alles, was danach kommt, ist eines wahren Schöpfungsmythos unwürdig. Es ist eine traurige und kleinmütige Geschichte, wie sie nur Männer erfinden können, die ihre Vorherrschaft zementieren wollen. Adam - so wollten es die patriarchalischen Geschichtsschreiber - verlangte, dass Lilith "unter ihm liegen" sollte, und das wohl nicht nur beim Geschlechtsakt. Lilith weigerte sich, sich unterzuordnen, es gab einen richtigen Ehekrach, bei dem Adam sich nicht entblödete, zu behaupten, er sei von Gott aus Staub, sie aber nur aus Sediment erschaffen worden, deshalb sei sie minderwertig und hätte ihm zu gehorchen. Nach dieser Albernheit reichte es Lilith, sie schwang sich auf ihre Flügel (die sie sich schon anfangs von Gott gewünscht und erhalten hatte) und flog einfach über die Mauer des Paradieses davon. Ach Adam, hättest du bzw. die, die dich so beschrieben haben, doch nicht den Denkfehler begangen, dass Zusammenleben nur klappt, wenn einer den anderen beherrscht, hättest du doch nicht so viel Angst gehabt, dass Lilith das genauso sieht und dich auch nur beherrschen wollte. Hättest du gewusst, dass es in matrizentrischen Kulturen ganz gut auch anders lief. Wärst du doch Manns genug gewesen, ihr nachzulaufen und dich mit ihr zu arrangieren: Auch dein Leben hätte mit einer ebenbürtigen Partnerin an der Seite viel leichter sein können, und wir Nachgeborenen hätten nicht so lange gebraucht, das Gleichgewicht wieder herzustellen. Aber nein, Adam ging zu Gott und beklagte sich. Gott, nun schon ein patriarchalischer, parteiischer Gott, schickte drei Boten zu Lilith, die sie zur Räson bringen sollten unter der Androhung, wenn sie nicht zurückkäme, sei sie verflucht, jeden Tag 100 Kinder umzubringen, - nicht gerade ein Partnerschaftsangebot auf gleicher Ebene. Lilith lehnte dankend ab. Der Rest ist dann im offiziellen Schriftenkanon des Alten Testaments nachzulesen: Damit der "arme" Adam nicht allein im Paradies sein musste, schuf Gott aus Adams Rippe Eva als seine "Gehilfin", als untergeordneten Teil von ihm, entstanden aus einem Teil von ihm. Dass Eva dann auch noch die Schuld an der Vertreibung aus dem Paradies in die Schuhe geschoben wurde, hat nicht gerade zur Aufwertung ihres Ansehens beigetragen. Schon lange bevor ich von Lilith gehört hatte, ist mir Eva immer als eine sehr blässliche und kraftlose Stammesmutter im Vergleich zu den alten Erdgöttinnen vorgekommen, - kein Wunder: Sie war ja auch nur der hinzuerfundene Ersatz. Aber auch Adam kommt in dieser Geschichte nicht besonders glänzend weg. Lilith, die fliegen konnte und angeblich allein den heiligen Namen Gottes kannte, hat es nach der offiziellen Version gar nicht gegeben. Die starke, unabhängige Lilith, die nicht aus dem Paradies geworfen wurde, sondern freiwillig und vor dem Sündenfall gegangen war, wurde, da das Volk sie nicht ganz vergessen konnte, zur Dämonin herabgewürdigt, die die Männer verführt und ihnen als nächtliches Phantasiegespenst ihren Samen raubt, um sich selbst damit zu befruchten; ihr wurde unterstellt, dass sie mit den Kindern im Schlaf spielt und sie zum Lächeln bringt, um sie dann zu töten. Lilith macht den Männern bis heute Angst. Aber man ahnt hinter dieser Verteufelung noch die Große Göttin, die Herrin über Leben und Tod, die ohne Zutun des Mannes aus sich selbst heraus Kinder gebiert.

Das Motiv der unbefleckten Empfängnis zieht sich ebenfalls durch alle Kulturen: die Urmutter, die wie die griechische Gaja den Uranos, wie die babylonische Thalat das Götterpaar Apsu und Thiamat, die sumerische Inanna den Tammuz, wie Isis erst nach dem Tod von Osiris den Horus, wie Mahamaja den späteren Buddha, wie Maria Jesus gebar: Jungfrauen oder Witwen, beide ohne Mann schwanger. Eine Jungfrau oder Witwe zur Mutter zu haben, machten sich viele Heroen, Religionsstifter, Weise und Propheten anheischig und stellten es als besonderen Vorzug heraus. Auch die Freimaurer nennen sich "Söhne der Witwe".

Logik, Philosophie, Monotheismus - und Freimaurerei

Jungfräuliche Mütter sind nach unseren Gesetzen der Logik und der Naturwissenschaften ebenso unmöglich wie die Vermischung von Feuer und Wasser oder wie sich in Menschen verwandelnde Götter. Im Mythos, in Märchen und in unseren Träumen passieren ständig und mit großer Selbstverständlichkeit solche ganz unlogischen Dinge. Aber um sich in der realen Welt zurecht zu finden, brauchen wir Sicherheit und Verlässlichkeit, Identität der Dinge, klare Definitionen, logisch verständliche und zeitlich nacheinander geordnete Abläufe. A kann nicht gleichzeitig B sein, ein Tisch kann sich nicht plötzlich in einen Adler verwandeln und davonfliegen, alles muss seinen festen Platz haben, und wir selbst können uns nicht ständig in anderen Erscheinungsformen auflösen und verlieren, wir brauchen unsere Abgrenzung gegenüber der Außenwelt. Ich bin ich und nicht Du: Das ist das sog. "Gesetz des ausgeschlossenen Dritten", das tertium non datur: Etwas ist es selbst, oder es ist nicht es selbst, etwas anderes, eine dritte Möglichkeit gibt es nicht [2].

Aus dem alten Ägypten ist folgender Satz überliefert: "Sein (= alles, Welt, All) ist alles, was ist, und alles, was nicht ist." Es wird also ein Sein behauptet, das das Nichtsein mit einschließt, ein von Nichtsein durchsetztes Sein, ein den Tod mit umfassendes Leben. Wenn die Ägypter also daran glaubten, dass es ein vom Tod bereinigtes Leben nicht gibt, so stehen sie damit im Widerspruch zu den Gesetzen der Logik, wie sie die griechischen Philosophen betrieben. Der griechische Philosoph Parmenides z.B. hat in einem mit ähnlichen Worten wie die Ägypter spielenden Satz gesagt: "Sein ist, Nichtsein ist nicht." Das ist das, was mit dem erwähnten ausgeschlossenen Dritten gemeint war: Nur real Existierendes ist wirklich, darüber hinaus gibt es nichts. Das gleichzeitige Vorhandensein von Sein und Nichtsein, oder, mit anderen Worten, von Leben und Tod, ist für ihn nicht denkbar. Die griechische Philosophie ist von Anfang an der Versuch, die Ambivalenzen des Mythos zu glätten, mythische Vorstellungen in logische Denkfiguren umzustrukturieren und mit Hilfe des Prinzips der Harmonie die Gegensätze zu überbrücken. Da aber der Tod die Struktur der Harmonie zerstören würde, ist die Philosophie gezwungen, an der Realität des Todes "vorbeizudenken": Da Tod Nichtsein ist, gibt es ihn nicht, und er braucht auch nicht gefürchtet zu werden.

In der logisch-rationalen Philosophie fällt der im Mythos gegebene universale Ordnungszusammenhang zwischen Leben und Tod, Himmel und Erde, Göttern und Menschen auseinander. Die Balance des stetigen Austauschs von allem mit allem zerbricht, die irdische Welt ist nicht mehr ein Spiegel der himmlischen, das Unten ist nicht mehr die Entsprechung des Oben, Makrokosmos und Mikrokosmos hören auf, deckungsgleich zu sein. Harmonie wird auf die obere Sphäre begrenzt, und die Erde wird zum Schauplatz der Unordnung. Diese Kluft zwischen Diesseits und Jenseits, die es im Mythos gar nicht gab, haben wir Logik und Philosophie, aber ebenso auch den abendländischen monotheistischen Religionen zu verdanken, eine Kluft, die ausgerechnet diese Erlösungsreligionen wieder überbrücken wollen [2].

Mann und Frau als Sonne und Mond

Weiblich-Männlich (im esoterischen Sinne!) ist also nur ein Beispiel für die überall auf dieser Erde vorhandenen Gegensatzpaare. Unser freimaurerisches Sinnbild für die Polaritäten sind unsere beiden Säulen J und B, deren Vorbilder vor dem salomonischen Tempel standen. Sie werden oft als Mond- und Sonnensäule, als schwarze und weiße Säule oder mit einer Tag-Welt- und einer Nacht-Sternen-Kugel obendrauf dargestellt. Die musivische Flur mit ähnlicher Symbolik hatte ich schon erwähnt. Wir werden in die Freimaurerei eingeweiht u.a., indem wir mit den Elementen verbunden werden; Feuer und Wasser spielen also auch bei uns eine Rolle. Auch Freimaurer versuchen, Feuer und Wasser zu vereinen. Winkelmaß und Zirkel: nein, keine männlichen oder weiblichen Symbole, aber zusammengelegt sind sie für uns eine Vereinigungsfigur, in deren Mitte Himmel und Erde, Oben und Unten miteinander versöhnt sind (siehe Instruktionsritual). Auch in der Freimaurerei geht es also u.a. um die "Vereinigung der Gegensätze", die jeder in sich selbst vollziehen muss: Männer haben ihre weiblichen Anteile, Frauen ihre männlichen zu integrieren und fruchtbar zu machen. Freimaurerei wäre ein schlechter Einweihungsweg auch für Männer - wenn sie denn überhaupt ein echter Einweihungsweg wäre -, wenn sie nur auf die "männliche Psyche zugeschnitten" und nur männliche Eigenschaften fördern würde. Es kommt in jedem ernstzunehmenden Initiatenbund immer auf das Gleichgewicht, die Ausgewogenheit der Kräfte, die Überwindung der Gegensätze und ihre Synthese zu einem fruchtbaren Dritten an. Es geht nicht um Männer und/oder Frauen, sondern es geht um den "vollkommenen Menschen", vollkommen, weil er die Gegensätze in sich zu vereinigen versteht.

Literatur

1. Campbell J.: Die Masken Gottes, Bd. 2: Mythologie des Ostens. dtv, München 1996.
2. Giani, L.-M.: Die Vereinigung der Gegensätze. Eine Denkfigur und ihre Bedeutung in Philosophie, Religion und Kunst. Vortragsreihe, München 1992.
3. Zingsem, V.: Lilith. Adams erste Frau. Reclam, Leipzig 2003.

Infos zur Autorin: Sr. Helga, geb. 1933, ist homöopathische Ärztin in München und Gründungsmitglied der "Neuen Werkstatt".

Zeinab schrieb am 17.10.2015 um 10:01 Uhr:
Die Geschichte der 'Lilith' ist mir neu gewesen, hat mich höchst interessiert. Vor allem das Sinnbild von Frau und Mann als Sonne- Mond- Gegensatz, sah ich in vielen Darstellungen und Ihr Bericht kam mir wie eine zusätzliche Bestätigung entgegen.
Bedanke mich herzlichst.
Z.H.
Uwe Zimmer schrieb am 12.02.2015 um 20:03 Uhr:
Dieser Vortrag ist einer der besten historischen Darstellungen biblischen Wissens ,klar und packend geschrieben,auf den Punkt gebracht.
Bravo !
Manfred Reimann schrieb am 18.04.2012 um 15:21 Uhr:
P.S. Wenn Sie von Lilith schreiben/sprechen sehe ich meine Frau vor mir.
Damit ist das Selbst- bewusst- sein meiner Ehefrau vergleichbar.
Sehr stark und von niemanden zu domestizieren.


LG, Manfred


Manfred Reimann schrieb am 18.04.2012 um 15:15 Uhr:
Ich bin begeistert, aber auch sprachlos...respekt.


LG, Manfred
Madleina Wehlte schrieb am 12.11.2010 um 19:21 Uhr:
*-?
Yulee schrieb am 19.08.2010 um 5:57 Uhr:
Bin eigentlich über eine Bildsuche auf eure Seite gekommen,
freu mich sehr über die Lillith-Geschichte,
endlich mal so wie ich es auch sehe:)

Merci
Yulee
K.F. Niedersachsen schrieb am 16.06.2010 um 4:41 Uhr:
Ich danke Ihnen aus tiefsten Herzen für diese geschriebenen Worte über Gegensätze und dem Wunsch der Vereinigung derer.Ich als Frau, als Verehrerin der Großen Göttin, habe so lange schon nach für mich verständlichen Worten gesucht, die die scheinbare Prägnanz des männlichen Prinzips in den Geheimgesellschaften widerlegt.Ich bin heute Morgen aufgewacht mit brennenden Fragen, habe Ihren Bericht gefunden, der das Feuer löschte und mich in Frieden in den Tag schreiten lässt.
In Verbundenheit dankend
K.F.
michael saathen, wien schrieb am 17.12.2008 um 8:12 Uhr:
ein großartiges baustück!
ich wäre sehr daran interessiert, es in der nächsten ausgabe des "Eckstein", der vierteljahresschrift der unabhängigen mm:.-loge "Perpetuum Mobile" im or:. wien, zu veröffentlichen und ersuche dazu höflich um die erlaubnis seiner autorin, sr:. helga!

sekretaer_pm@gmx.at

trvb:. br:. michael

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