Vorträge

Um die Vielfalt der Freimaurerei und ebenso die Vielfalt unserer Loge zu illustrieren, haben wir hier einige auf Gästeabenden gehaltene Vorträge zusammengestellt. Wir weisen darauf hin, daß jeder Freimaurer seine ganz persönliche Sicht auf die Freimaurerei hat - die im folgenden geäußerten Meinungen sind also keine Dogmen, sondern die persönlichen Auffassungen des jeweiligen Autors. Sie können somit auch der Meinung eines anderen Bruders bzw. einer anderen Schwester widersprechen - sie sind also immer offen für Kritik und konstruktive Diskussionen.

"Melencolia I" von Albrecht Dürer, Kupferstich, 1514

Gästabend vom:

05.06.2009Gotische Dombauhütten(3 Kommentare)
11.04.2008Toleranz im Islam(7 Kommentare)
07.09.2007Die Bearbeitung des Steines
13.04.2007Vortrag zur Lichteinbringung(1 Kommentar)
16.02.2007Das Ritual - Relikt, Notwendigkeit oder Tor zu Höherem?(2 Kommentare)
21.04.2006Humanität und Freimaurerei(1 Kommentar)
19.05.2005Toleranz und Freimaurerei(2 Kommentare)
04.12.2004Das weibliche und das männliche Prinzip in der Freimaurerei(8 Kommentare)
28.09.2004Ist Geiz geil?(10 Kommentare)
25.03.2004Freimaurerei zwischen Tradition und Fortschritt(1 Kommentar)
18.10.2002Die Freimaurer: Ein alter Weisheitsbund für die moderne Zeit(9 Kommentare)

Ist Geiz geil?

von Br. Klaus

Sehr geehrte Zuhörer!

Sieht man jemanden "Unter den Linden", den man nicht kennen will, geht man auf die andere Seite und sieht weg. Wenn ich einen Menschen namens Bohlen sehe oder höre, dann klage ich mich an diesen Herrn zu erkennen. Ganz ohne Zweifel, man kann tun was man will, irgendwann hat man ihn drauf. Als Bild, als Symbol für was.

Nun macht er für Müllermilch Reklame: Wählt die Müllermilchpartei. Der Herr Bohlen machte zum Gaudium von Millionen junge, hoffnungsvolle Menschen zur Sau und fertig, verhöhnte unter Jubel die Talentlosen, erniedrigte öffentlich die Aufgeregten, die Schwachen, er verkaufte Kenntnis aus dem Privatleben von Menschen, die glaubten, er sei ihr Freund, gegen Geld als Buch. Vertrauen genommen, verscherbelt gegen Knete. Er ist vielfacher Millionär aus Kompositionen, die weltweit gekauft worden sind. Er ist einer, der es nicht nötig hat. Einer, der nichts nötig hat.

Müllermilch, das ist Herr Müller aus Augsburg in Bayerisch- Schwaben. Erst hat er alle Molkereigenossenschaften im Allgäu vernichtet, dann etwa 600 weitere Molkereien in Süddeutschland. Schwamm sich auf dem subventionierten Milchsee der 1960er bis 1980er Jahre hochsubventioniert ein Milliardenvermögen zusammen, und siedelte mit Märtyrermine vor bestellten Kameras gleichsam als Opfer der deutschen Steuerwillkür in die Schweiz aus, weil die Bundesrepublik Deutschland von ihm, der erst bei Sachsenmilch 9.7 Millionen EURO Subventionen eingesteckt hatte, 4.2 Mio EURO Vermögenssteuer für Immobilieneinkommen in England wollte. Auch er hat nichts nötig.

Beide passen schon zusammen.

Man möchte abwinken, gäbe es nicht so eine dramatisch gute Reaktion auf solche Herren. Man wirbt erfolgreich mit ihnen.

Sie werden nicht verachtet, sondern ausdrücklich bewundert.

Man kann, so sagt man, manchmal gar nicht soviel essen wie man kotzen wollte. Das ist so ein Mal. Denn es sind die " anquormans", das heißt die Schlüsselfiguren, die guten Beispiele, die Priester, welche zum Kaufverhalten animieren, diejenigen wegen denen man kauft.

Ein entsetzlicher Kotzbrocken und einer mit böser Raffgier. Man wirbt mit Ihnen erfolgreich. Heutzutage.

Der gesunde Menschenverstand warnt:

Als der Müller öffentlich in die Schweiz ging, kauften die Deutschen und die Käufer von Müllermilch überall nicht weniger, sondern mehr Müllermilch-Produkte, und der Millionär, Herr Bohlen, wirbt erfolgreich für die Geilheit des Geizes, und sein Buch wird eben so oft verkauft wie die wichtigsten 100 Sachbücher in 2003. Kein empörter Boykott oder Aufschrei! Nein: Vorbild sind solche Leute geworden. Maßstab.

Verehrte Zuhörer, das ist keine Humoreske und keine Kafkaeske sondern eine Blitzlichtaufnahme aus dem Jahr des Herrn 2004. Millionen klatschen wenn ein Millionär Geiz predigt und ein Milliardär wegen Steuerzahlungspflicht übersiedelt auf Inseln die nichts von ihm verlangen, als das mitzubringen, was man transferieren kann und anderswo erwirtschaftet hat. Wo man hinter sich lassen kann, was dazu beigetragen hat.

Da muß man drüber reden in den Freimaurer-Logen, und überall sonst auch. Das ist keine Petitesse und keine Neiddiskussion, sondern ein Zeichen, daß sich was zu wandeln beginnt oder vielleicht schon gewandelt hat. Also denn, wie sieht es der Freimaurer:

Ist Geiz geil? Ja, Geiz ist geil! -- Beides ist schlimm.

Klimaveränderungen und Wirtschaftszyklen gehören zum unerforschlichen Kern des Schicksals von uns Menschen auf diesem schönen blauen Planeten.

Wirtschaftzyklen scheinen an den Rhythmen des Klimas zu hängen. Beide nehmen wir in wellenartigen Bewegungen wahr, haben Theorien über ihre Ursache und Aufzeichnungen über Zeitspannen und Heftigkeit der Ausschläge. Man erklärt sie wissenschaftlich oder aktuell. Jede Menschengeneration spürt die Zyklen als die jeweils eigene einzigartige Bedingung ihres Lebens innerhalb der eigenen Grenzen von sich und seiner Art. Obwohl es das Zentrum unseres Wissen betrifft, was wissen wir denn darüber?

Wissen, nein, richtig wissen tun wir nichts. Das gehört zu den wesentlichen Erkenntnissen: Über alles, was wesentlich unser menschliches Leben beeinflußt, wissen wir Menschen nicht wirklich Bescheid, müssen interpretieren, vermuten, glauben.

Man denkt leicht, der Fortschritt und die Wissenschaft hätten Kenntnis über die Kernbedingungen unseres Daseins gebracht, wenigsten darüber, was wir als 'profan' verstehen. Aber im Kern weiß man weder sicher, wie im nächsten Monat, Jahr, Jahrzehnt das Wetter wird, noch welche Wirtschaftzyklen wann und wo über uns kommen.

Seit alters her bemüht sich der Mensch - wie Archimedes - einen fixen Punkt auszumachen, von dem aus man berechnen kann. Alles Nachdenken und Forschen läßt uns die Fragestellungen schärfer formulieren, sonst nichts. Hinter beiden Zyklen, so könnte man denken, muß eine unsichtbare Hand stecken. Nun sind wir das Unzulängliche im Menschen gewöhnt bei allen Fragen immaterieller Art. Aber auch bei denen, die uns Menschen materiell so sehr beeinflussen? Sind diese gar auch immateriell?

Im alten Testament begründet Josef, ein israelitischer Sklave, gleichsam die Vorhut seiner in der Wüste darbenden Sippe, eine neue Wirtschaftstheorie durch die Deutung eines Traums des Pharao in Ägypten.

Dieser sah in seinem Traum sieben wohlgenährte, stattliche Kühe im Riedgras am Nil und dann sieben magere, häßliche Kühe. Es heißt in dem heiligen Buch des Wissens in der Genesis unter " Der Traum des Pharao und seine Deutung" wörtlich: "Die mageren und häßlichen Kühe fraßen die sieben ersten, fetten auf. Sie verschwanden in ihrem Bauch, aber man merkte nicht, daß sie darin waren; sie sahen genauso elend aus wie vorher. Weiter sah ich in meinem Traum: Auf einem einzigen Halm gingen sieben volle schöne Ähren auf. Nach ihnen wuchsen sieben taube, kümmerliche, vom Ostwind ausgedörrte Ähren."

...Darauf sagte Josef zum Pharao: Der Traum des Pharao ist ein und derselbe. Gott sagt dem Pharao, was er vorhat. Sieben Jahre kommen, da wird großer Überfluß in ganz Ägypten sein. Nach ihnen aber werden sieben Jahre Hungersnot heraufziehen ....." weiter wörtlich: "Das Brotgetreide soll dem Land als Rücklage dienen für die sieben Jahre der Hungersnot, die über Ägypten kommen werden. Dann wird das Land nicht an Hunger zugrunde gehen."

Josef ist im alten Testament der israelische Protagonist in Ägypten, der die wirtschaftliche Basis dieses Reichs erschuf, in dem er die Theorie von den sieben mageren und den sieben fetten Jahren in die Praxis einführt und damit wirtschaftlich und militärisch alles gewinnt. Mit der neuen, sagen wir es in unserer Sprache, Ökonomie gewinnt er viel Macht für sich und die Seinen, daraus entspringt später erst eine neue Religion, dann ein Volk.

Warum beschreibt das alte Testament diesen Rhythmus mit der biblischen Zahl sieben? Welches Wissen mag dahinter gestanden haben, daß wir diese Geschichte heute noch kennen? Sicher beschreibt die Zahl Sieben dabei keine wirklichen sieben Jahre, sondern eine bestimmte Zeitspanne - bezeichnet mit der Zahl Sieben.

Warum kann sieben Jahre bei gutem Wetter geerntet werden und gelagert, währenddessen die klugen Menschen weniger verbrauchen, als sie ernten, und deshalb im Gegensatz zu den nicht klugen Menschen auch dann genug, wenn wohl nicht üppig, haben, wenn das Klima sieben Jahre lang keine gute Ernte ermöglicht?

Was soll dieses Gleichnis uns Menschen sagen? Daß auch die Wirtschaft den Wellen des Kosmos unterliegt und der kluge Mensch sich darauf einstellen muß, wie ein Segler auf den unerforschlichen Wind?

Sind denn heute die Klimaforscher und Wirtschaftsforscher wirklich weiter als dieser Erkenntnisvorschlag?

Seit allen Zeiten werden Zeichen gesucht und Theorien aufgestellt. Das reicht von der Astrologie und Zeichendeutung über Ricardo, Adam Smith, Karl Marx bis zu Keynes und dessen antizyklischer Wirtschafts- und Finanzpolitik. Wir kennen hierzulande die "Wirtschaftsweisen" die in einem ständig wiederkehrenden Ritual uns die Träume mit Zahlen deuten und doch nichts wissen. Denn es gibt keine Vorhersage dieser Weisen, die je so eingetroffen wäre. Ihre Prognosen haben die Qualität des hundertjährigen Kalenders bei Wettervorhersagen. Die Planifikateure der Planwirtschaft haben mit ihren Annahmen und Berechnungen die eigenen Volkswirtschaften in Grund und Boden gewirtschaftet. Beide, die Wirtschaftsweisen und die Planwirtschaftler, stochern suchend im Dunklen.

Wohl zu allen Zeiten gab es Gescheite, Gutwillige, auch Scharlatane, die versucht haben, den Menschen zu erklären, wie sie diesem scheinbar unentrinnbaren Schicksal des unterschiedlichen Ernteertrags und seiner Verteilung entgehen. Seit allen Zeiten wohl versuchen Politiker, Priester, Adelskasten, die Menschen damit zu gewinnen oder wahlweise zu beherrschen; mit dem Versprechen (oder einer blanken Machtergreifung), sie wüßten, wie es geht, um diese Zyklen zu beherrschen. Sie könnten die Menschen bewahren vor den schlechten Folgen der Zyklen, wenn man nur wahlweise allem seinen Lauf ließe - oder umgekehrt, alles so genau plane, um es zu dauerhaft zu beherrschen.

Kurz: es gäbe eines oder mehrere Mittel, um den Menschen die Auswirkungen dieser Zyklen zu ersparen, die wirtschaftliche Natur auszuhebeln und damit das Glück und den Erfolg dauerhaft zu machen. Der Kern dieser Frage ist der Kern der gesellschaftlichen Konflikte seit allen Zeiten. Der Grund für Kriege und Verteilungskämpfe.

Seit allen Zeiten gibt es einzelne Menschen, Sippen oder "gesellschaftliche Gruppen" wie man heute sagen würde, die versuchen, zu Lasten von anderen "gesellschaftlichen Gruppen" (also für sich und die eigenen) diesen Zyklen zu entgehen. Seit allen Zeiten gibt es den Gegensatz zwischen denen, die das nicht oder für alle wollen. Und Spekulanten, bei denen die Wertschöpfung mittels Spekulation auf die Zyklen eine wirkliche Wertschöpfung ersetzt.

Ist es denn nicht so, daß diese Zyklen auch - in anderen Zeitabläufen - für die Ernte und Lagerzeiten - im Leben des einzelnen Menschen erkennbar sind? Quasi als kleine Wellen innerhalb der viel größeren?

Wie anders erklärt sich der Zusammenbruch von blühenden Wirtschaftsräumen wie der Seidenstraße, erfolgreichen Wirtschaftssystemen wie der Hanse, herausragenden Handelsorganisationen wie der Ostindischen Handelsgesellschaft, dominierenden Unternehmen wie den Fuggern, den Welsern, Krupp oder General Electric, zu allen Zeiten, bis heute zu Karstadt und der Automobilindustrie, wenn nicht dadurch, daß die Zyklen entweder nicht erkannt worden sind oder nicht erkannt werden konnten?

Sind das Fehler oder ist es das Schicksal eines jeden und einer jeden Sache, zu entstehen, aufzusteigen und zu vergehen, nach Zyklen, deren Anfang und Ende für uns Menschen nicht erkennbar sind? Warum haben Menschen seit ihrem Denken offenkundig keine Mittel, sich diesen wirtschaftlichen Zyklen zu entziehen?

Sucht man in den Mysterien, findet man dasselbe Bild: Askese oder Überfluß, Demeter contra Dionysos. Städte der Polis oder Sparta. Immer dieselben, sich abwechselnden Ratschläge: alles hinnehmen, weil die wahre Welt nur erlebbar wird in der Orgie und dem Rausch - wie in den manischen Dionysos-Kulten, bis zu Nietzsche, Saturday night fever in der Disco und Karneval, so oft es geht, -- oder in den gewissermaßen auch manischen Ratschlägen der Askese, des rationalen Handelns, der straffen Organisation von Allem und Allen, dem Karfreitag oder dem Ramadan, den protestantischen Ritualen. Hedonismus ausgehend von den römischen Genußveredlungsgottheiten bestimmt bis heute viele Menschen. Sie nennen sich Gourmands wie die Hedonisten von der Toskanafront. In den meisten dieser Rituale wechseln eben die Rahmen sich zeitlich ab. Mal Völle, mal Heilfasten. Mal Fastnacht, mal Askese. Das gilt wohl auch als anerkannter Lebensrat für Lebensart.

Wer, sagen wir mal, die "Festplatte der Geistesgeschichte" durchsucht, wird feststellen, daß auch dort die Dinge sich ähnlich gegensätzlich darstellen und erkenntnistechnisch gesehen keinen wirklichen Rat und Anleitung bieten. Voltaire entscheidet sich für eine extreme Position, den Luxus. Wittgenstein stellte die Askese dagegen. Montchrestien, der Verfasser der "Economie politique", verlangte 1615 aus ökonomischen Gründen die Förderung der Luxusproduktion ebenso wie der Aufklärer Montesquieu wegen des sozialen Grundes eines Arbeitsplätze schaffenden Nutzens. Das Wissen, daß das Privileg einer Minorität, im Überfluß zu leben, auf der harten Arbeit einer anonymen Masse basiert, die von diesem Privileg ausgeschlossen ist, gehört zu den selten besprochenen Kontinuitäten der Geistesgeschichte, nicht nur in der westlichen Kultur.

Generell kann man beobachten, daß die Askese sich seit Diogenes lauter, spektakulärer und mehr um Gefolgsleute bemühend artikuliert hat, als der häufig tabuisierte Hedonismus, der Tugend und Genußfähigkeit als gemeinsam auftretende Eigenschaften behandelte.

Mäßigkeit, Einfachheit, Abhärtung und die Gesundheit des Leibes und der Seele werden seit Pythagoras miteinander assoziiert und seit Demokrit gilt der als mannhaft, der seiner Lüste Herr wird, und für den Zyniker Antisthenes war jener ein Sklave, der sich von seinen Lüsten beherrschen ließ. Als höchste Tugend galt ihm die Bedürfnislosigkeit. Heraklits stolzes "Ich erforsche mich selbst" verknüpft in einer dem damaligen Zeitgeist entsprechenden Weise das mangelnde Interesse an Dingen und Gütern. Das leitet über zu Platons reinen Lustgefühlen am Schönen; und dazu gehörte die Erkenntnis.

Daß die Dinge, und die Möglichkeiten des Konsums den Menschen zu seinem Nachteil verändern, war auch die Ausgangsposition des jungen Karl Marx vor seinem lebenslangen und unvollendeten Versuch, das Geheimnis der politischen Ökonomie zu entschlüsseln: "Mit der Masse der Gegenstände wächst daher das Reich der fremden Wesen, denen der Mensch unterjocht ist und jedes neue Produkt eine neue Potenz des wechselseitigen Betrugs und der wechselseitigen Ausplünderung." Zumindest dieses marxistische Theorem hat den Zusammenbruch des sozialistischen Systems überlebt.

Von weit außen betrachtet erscheinen die Ratschläge zu allen Zeiten und aus allen Quellen ebenso wie Zyklen: eben zyklisch.

Stellen Sie sich vor, Sie säßen bei einem Abendessen bei einem gutverdienenden Paar im mittleren Alter in Düsseldorf. Die Wohnung ist mit einer ansprechenden Mischung aus Biedermeier und Avantgarde möbliert, Bilder hängen bis zur Decke nebeneinander und übereinander. "Wir investieren so ein bißchen in Kunst, nicht nur in neue Fonds.", der Hausherr unterhält einen kleinen, nach Johnsons Weinlisten wohldosierten Weinkeller, man führt ein Gespräch über den passenden Wein. Einer erzählt: "Da hab ich einen aus der Schweiz gefunden, Johannisberger, das glaubt man nicht, in der Schweiz!" Seine Konzentration auf die klassischen Weinländer wie Australien, Chile, Argentinien, Kalifornien usw. haben ihn wohl geblendet gegen die Erkenntnis, daß man am Genfer See in bestem Klima französisch spricht und die Römer vorher durchgekommen waren, bevor es an die Ufer des Rheins ging - also man unterhält sich über Wein und den Keller des Gastgebers. Trocken ausgebaut muß er sein und in den richtigen Fässern, "die Temperatur, die Temperatur..." - "Es liegt an der Form des Glases, ja - " sagt Frau Dr. Schmitz-Wichtig mundgeblasen im Ausdruck, "... mundgeblasen muß es sein, das Glas, und oben wie ein Kelch." Das als Hauptspeise servierte Lamm stammt vom dem legendären Kleinbauern aus dem Bergischen Land - der, der einmal die Woche auftaucht und einen erlesenen Kundenkreis beliefert. "Da muß man lange vorher bestellen, regelmäßig bestellen, nicht einfach kaufen, der verkauft nicht an alle." erwähnt die Gastgeberin. Die Knappheit bestimmt den Wert, nicht die Güte. Als Nachtisch wird eine aufwendig hergestellte "Tarte aux pommes" gereicht. Das heißt Apfeltorte auf Deutsch.

Dann passiert es: die Eiscreme kommt auf den Tisch. CLEVER von REWE. Eine Eigenmarke. Nicht Mövenpick oder Häggendazz, wo man für 100gr auch 1kg Lachs bekäme. Nein: Die Eiscreme sprengt das Ensemble aus Gemälden, Biedermeier, Biolamm.

Wer CLEVER kauft, gibt damit ein deutliches bewußtes Statement in Richtung "billig". Ein solch gediegener westdeutscher Haushalt war bisher nicht der Ort, an dem man solches erwartete.

Hier hat offensichtlich ein Bruch im Konsumverhalten stattgefunden. Gleichsam ein konkreter Übergang innerhalb stetig wechselnder Zyklen.

Haben sich die Gastgeber in die Fraktion der "Geiz ist Geil"-Mentalität eingereiht, sind sie sogenannte "smart shopper" geworden oder gar Anhänger der "neuen Bescheidenheit"? Auf dem larmoyanten Weg vom Egomanismus über Politikverdrossenheit - die machen ja nichts mehr für mich - zur esoterischen Flucht ins Immaterielle?

"Ob denn was gegen CLEVER spräche?" fragt die Hausfrau schnippisch. Der Wirbel um "Geiz ist geil" sei ihr extrem zuwider.

Onkel Dagobert von Walt Disney

Wenn Menschen ihr Verhalten ändern und den Kommentar in einer Weise verweigern, der an ein Tabu denken läßt, an Indifferenz oder gar an Heuchelei, dann wächst bei mir die Neugier.

Die Einstellung vieler Leute zu ihrem persönlichen Konsum erinnert mich fatal an die viktorianische Doppelmoral kurz vor Untergang der viktorianischen Zeit. Küchengeräte von Tchibo/TCM, 20% Rabatt auf den Vorführwagen, und die Gastgeberin erzählt beifallsheischend, daß der im Modehaus ZARA aufgestellte Wühltisch mit Waren von angeblich zweiter Qualität voll von unbeschädigten, hochwerten Stücken war. Ein Schelm, dem dabei "smart shopper" einfällt oder der gar noch so taktlos ist, das zu sagen. Oder:

Der Selbstbetrug beim billigen Einkaufen ist derzeit doch sehr hoch.

Immer noch wenden wir den Gütern eine enorme Aufmerksamkeit zu, kaufen mehr von ihnen, als wir benötigen und verknüpfen die Frage des gesellschaftlichen Ansehens mit dem Besitz an ihnen. Also mit Dingen, die man nicht braucht, die man sich nicht wirklich leisten kann, um damit Leuten zu imponieren, die man nicht mag.

Tatsächlich hat die Welt des Konsums ihre Leichtigkeit verloren. Ein neuer Typ des Konsums macht sich breit und provoziert die Gegenreaktion von Industrie, Handel und Werbung. Der neue Kunde ist mißtrauisch, berechnend, zögerlich in den Kaufentscheidungen und gelangweilt vom großen Angebot.

Aber noch immer haben die Güter einen höheren Rang, als ihnen eigentlich zusteht. In den neuen Bundesländern wirkt diese Entwicklung fatal, und wird als ungerecht empfunden. Kaum kann man teilnehmen an der bunten Warenwelt, in der Haben mehr zu sein scheint als Sein, kaum ist man nachgehechelt, und schon wird sie weggezogen, ohne lange genug Gelegenheit zur Teilnahme gehabt zu haben. Das empfinden viele als Betrug. Die Warenwelt war glitzernd, nun, wo man sie hätte, kann man sie nicht kaufen. Askese ist attraktiv wohl nur für den, der vorher des Überflusses satt war und umgekehrt.

Alle diktatorischen Systeme haben einen Hang zur Askese, kennen einen Vorzug des öffentlichen Besitzes vor dem persönlichen oder gar privaten. Den Zug zur Sicherheit von Allen, statt zur Freiheit des Einzelnen.

Nun macht sich wieder ein neues Bewußtsein breit, ehe man das alte wirklich hat kosten können. Kosten kommt von Kosten. Die bunte Warenwelt, den Überfluß, kann man sich nicht leisten. Das wirkt so, wie die Warenmuster in den HO-Läden: sie sind da, aber es gibt sie nicht wirklich.

Viele empfinden das als mindestens ebenso schlimm, ja als zynisch und schlimmer, als wenn es den Überfluß nicht gäbe und er verbannt wäre aus dem Zugriff der meisten. Da fühlt man sich miserabel.

Das schafft bei vielen das Gefühl, wieder einmal zu spät gekommen zu sein. Es wird was weggenommen, bevor man es richtig hatte. Eine neue Wende für viele Menschen, der man sich enttäuscht gegenübersieht. Jetzt wo man sich dem Überfluß hingeben wollte, verlangen dieselben Leute, die vorher den Überfluß als ihre Überlegenheit gepriesen haben: "GEIZ IST GEIL!". Schluß mit viel. Der Verdacht wächst, daß dies als Lösung angepriesen wird von Leuten, die das für sich selbst nie akzeptieren würden. Das empfinden viele Leute so - zugeben werden dies weit weniger, als diejenigen, die so empfinden.

Der auf Waren und Dinge ausgerichtete Mensch, hier (im Osten) früher in der Nähe von Baustellendiebstahl, Betriebsmittelentwendung, Arbeitsverweigerung gegenüber dem System, Kleinhandel mit blauen Fließen, gegenseitigen Dienstleistungen hier und dort, im Westen auf "Haste was dann biste was", "Nimm soviel du kannst, greif zu, spekuliere!" "Ich will alles und sofort", "Alle sind Häuptlinge und keiner ist Indianer", "25 Jahre lernen, 25 Jahre arbeiten, 25 Jahre Alter genießen" - und sich dabei durch Kinderwunsch und Gemeinnutz nicht beeindrucken zu lassen. Zahl es, wer kann. Ansprüche stellen und alles von den andern zu fordern, also der auf Warenwelt, d.h. Materialismus ausgerichtete Mensch ist der Sklave der Waren, über ihn kommt die ewige Wende der Zyklen wie ein Tornado...

Vor dem Geiz kommt die Gier, die Habgier.

Wer also auf der Seite der Warenwelt lebt, dabei oft die andere Seite als lächerlich oder idealistisch verhöhnt, tut sich besonders schwer in Zeiten des ewigen Wandels von wirtschaftlichen Zyklen.

Die Wandlung der Zyklen in eine andere Richtung verwirrt viele. Heutzutage artikulieren sich der Luxus und das Billige, der Verkäufer von handwerklicher Qualität und der Markenproduzent, die Umweltministerin, die mit strengem Ton ein geändertes Qualitätsbewußtsein der Konsumenten anmahnt, der Konsumentenschützer, der seine Schützlinge zu überzeugen versucht, daß die billigen Angebote der Handelsketten Bestandteil eines Verdrängungswettbewerb seien, an deren Ende ein für den Konsumenten schädliches Monopol stehen würde, der Ökonom, der die Billigkäufer als Auslöser einer Deflationsspirale denunziert, und der Kulturwissenschaftler, der im Konsum ein bequemes Heilmittel gegen den Fundamentalismus sieht.

Der Diskurs ist derart komplex, daß ihn eindeutige Formeln wie die, daß die Marken immer noch unser Leben dominieren würden, daß die Mitte weggebrochen sei, daß ein hybrides Kaufverhalten zwischen Aldisierung und Luxus dominiere, daß gar das Liebesverhältnis zwischen den Konsumenten und den Gütern ein Ende gefunden hätte, schon durch ihre Widersprüchlichkeit ad absurdum führen.

Die Vielzahl der auf verschiedenen Argumentationsebenen liegenden Positionen belegt letztlich nur eines:

Die Beziehung zwischen den Menschen und den Dingen, den Konsumenten und den Waren, scheint sich geändert zu haben; "Geiz ist Geil" in allen seinen Facetten ist nur ein überdeterminiertes Symptom dafür.

Jene Menschen, die meinen, daß dieser Slogan nur wenig mit ihnen und ihrem Leben zu tun hat, belügen sich selbst.

Das Konsumverhalten wurde immer schon ambivalent bewertet, und aus historischer Sicht war es immer auch ein Spiegel seiner Zeit:

Der Edle, der verächtliche und der rebellische Arme, der klösterliche Asket, der vom Luxus besessene Aristokrat des Barocks, der maßvoll-bescheidene biedermeierliche Hausvater, der verschwenderische Dandy, der Playboy, der sich dem Konsumterror entziehende Hippie oder der protzige Neureiche der New Economy.

Jeder Epochenwechsel war von Veränderungen im Konsumverhalten begleitet, wobei jene in der Periode der frühen Industrialisierung wohl um einiges dramatischer waren, während die in der Zeit der großen Inflation Anfang der 20er Jahre des 20. Jahrhunderts grellere Folgen hatten, als man in den heutigen erkennen kann.

Die industrielle Produktion hat die Moderne mit allen ihren Segnungen und Wirkungen als Lebensform erst ermöglicht. Es ist sogar ein Kennzeichen der westlichen Moderne: ein ständig wachsendes Bedürfnis nach Gütern, welche der Kapitalismus zur Freude und zum Nutzen aller bedient. Dieselbe industrielle Produktion ist auch in der östlichen Moderne die Hoffnung gewesen auf eine gerechtere Welt mit einer gerechteren Verteilung der Güter.

Die Welt des Konsums wurde dadurch zu einer Welt der Bilder, der Versprechungen, der Verführungen, der Sünde, der Vorsorge für sich und andere, eine Welt des Tabus, ein Bereich wo alles zusammenstößt - die Lust und die Schuld, die Ökonomie und die Verantwortung. Aber es ist auch eine Welt der Parolen.

Hinter jeder Konsumstruktur verbirgt sich ein Massencharakter und eine Geschichte, jede Konsumstruktur verweist auf eine kollektive Mentalität, die manchmal von verschiedenen gesellschaftlichen Klassen - z.B. Bürgertum - getragen wird und immer auch eine politische Dimension hat .

Die Welt der Waren, welche jenseits des Nutzens stehen, ist niemals "natürlich" und niemals der Wunsch von allen Menschen in einer Gesellschaft.

Deshalb würde es zu kurz greifen, würden wir die Veränderungen der Warenwelt und der Mentalität der Konsumenten oberflächlich moralisieren oder verspotten. Wir müssen "Geiz ist Geil " als ein Zeichen dafür begreifen, daß derzeit Wandlungen eingetreten sind, deren Richtung und Ende nicht, noch nicht sichtbar sind.

Es gibt wohl keinen festen Punkt, von dem aus man die Vorgeschichte von "Geiz ist Geil" verfolgen kann. Seit der Industrialisierung hat sich das Konsumverhalten mehrfach geändert. Not, damit erzwungene Askese, Luxus und kollektive Verschwendung haben Konsumverhalten geformt.

Wahrscheinlich war das Jahr 1945 im Westen der wirkliche Neubeginn. In der Stunde Null änderte sich die Beziehung der Menschen hierzulande zu den Gütern. Es sei nur an die heute in Ihrer existentiellen Dimension unvorstellbare Not der Ausgebombten erinnert. Man hatte keine, auch fast keine persönlichen Güter. Unter diesen Umständen war der Mangel an Gütern verbunden mit dem Verlust von Geltung in einer eigenartigen Zwangfusion mit Schuld und Niederlage.

Spätestens seit 1917 begann, fast systematisch, die Vernichtung der privaten und öffentlichen Güter in Deutschland durch Krieg, Zerstörung, die Auswirkungen des Versailler Vertrags, die Weltwirtschaftskrise, wieder Krieg und die heute fast unvorstellbare Vernichtung der Städte.

Beide Kriege hatten die gesellschaftliche Ordnung samt den Gütern als Symbol des Seins durcheinandergewirbelt. Besitz hatte keine Funktion des Schutzes oder der sozialen Stellung mehr. Die Menschen in Westdeutschland kannten in der Mehrzahl in der Zeit von 1918 bis 1948 nur Güter auf Karte, die Deutschen in Ostdeutschland hatten bis 1956 Karten für Lebensmittel, und bis 1989 Karten, auf denen die teilweise 15 Jahre dauernden Lieferzeiten vermerkt waren. Das war wirtschaftlich dasselbe, nur psychologisch etwas anderes.

Von kleinen Erholungen der Wirtschaft Ende der 1920er Jahre, anfangs des so genannten "Tausendjährigen Reiches" und in der DDR in den 1970er Jahren, wurde der Besitz an Gütern für die Masse der Menschen durch Parolen oder Teilhaben an nationalen oder gesellschaftlichen Zielen, Ehren und Erfolgen ersetzt. Der volkseigene Besitz wurde als Wert nicht angenommen von den Menschen, weil neben anderem die Verfügungsberechtigung darüber vollkommen fehlte.

Man muß sich das klar machen, wenn man die Wirkungen der Rolle der Güter und die der heutigen Umwälzungen verstehen will.

Mit der Stunde Null und deren Mangel sowohl an Gütern - aber auch an Werten, Zielen, Visionen, Idealen - bei der überwiegenden Mehrzahl der Menschen, beginnt die Güterschaffung nicht nur aus den Energien der Gütergewinnung, sondern hat wesentlich eine die Güter und deren Besitz überhöhende Dimension.

Alle Energien, die vorher auf dem Feld der Ehre, der Gesellschaft, der Kunst usw. sich teilten, konzentrierten sich nun in Westdeutschland auf die Produktion von Gütern aller Art. Güter ersetzten das alles und halfen alles Vorherige zu überwinden, Trauer, Angst, Schuld. Güter zu schaffen, öffnete für die Westdeutschen das Fenster zur Freiheit, Freizeit und dem Gefühl von Würde des Einzelnen, aber auch des Ganzen. Wer diese Dimension nicht einbezieht in seine Überlegungen, hat nichts verstanden von der Beziehung der Deutschen in Westdeutschland zu Waren und Gütern. Überhaupt nichts!

Güter zu haben und zu beschaffen, sie auszusuchen, diese sich leisten zu können, hatte eine übergroße Aufmerksamkeit und unterlag Bewertungskriterien von hohem Erlebniswert und als Volkswirtschaft von hohem Geltungswert.

Mit dem Wirtschaftswunder im Westen begann der Aufstieg Westdeutschlands im Ansehen der Welt, wie es den Deutschen, so sehr sie auch dafür arbeiteten in ihrer Geschichte, noch nie widerfahren war. Die weltweite Anerkennung quasi ein Ersatz für den verlorenen Krieg. Der Besitz überwucherte alles andere.

Diese Erfahrung haben die Deutschen im Osten nicht, weder in der DDR, noch bei den Deutschen in Pommern, Schlesien und Ostpreußen. An dieser Stelle der kollektiven Erfahrung liegt eine der fundamentalen, tiefsitzenden Narben zwischen Ost und West. Die Rolle der Waren im persönlichen und nationalen Selbstwertgefühl. Wer heute über die Mauern in den Köpfen spricht, ist oft nur oberflächlich. Es sind die Vertiefungen in den Erfahrungen. Auch und vor allem denen mit Gütern. Weniger mit Herrschaftssystemen.

Während im Osten der Versuch "Individuelle Güter durch Teilhabe an gesellschaftlichen Gütern" scheitern mußte, erlebten die Westdeutschen, daß neben der eigenen Versorgung mit nützlichen und luxuriösen Gütern wie Autos, Fernsehern, Kühlschränken, Waschmaschinen, Eigenheimen, auch ein Zuwachs an öffentlichem Besitz sichtbar wurde. Autobahnen, Innenstädte, Kreisstraßen, Renovierungen von Kirchen, Burgen und Schlössern, Sportplätze, Schwimmhallen und Schulen.

Ich war lange Zeit Stadtrat und Kreisrat, und erinnere mich noch gut der Zeiten, in denen wir, manchmal krampfhaft, darüber nachdachten, was wir noch bauen könnten. Jeder halbwegs vernünftige Vorschlag wurde angenommen. Man "schwamm" in der Knete.

Das Wort vom "Wirtschaftswunder" samt seiner religiösen Bedeutung sollte ernstgenommen werden. Für die Beteiligten hatten die Gütervermehrung und die neue Legitimität von Bedürfnissen wirklich den Charakter eines Wunders.

Der ständige Systemvergleich der Menschen zwang der DDR, spätestens seit Honecker - "überholen ohne einzuholen" - eine Konzentration auf die Konsumgüterproduktion auf, die sich niemals mit der im Westen messen konnte. Zwangsläufig nicht.

Keine Kapitalien wie den Marschallplan, keine Wettbewerbswirtschaft im Innern und im mittleren Bereich, völlig immobile Kombinate, nach fremdem, ungeeignetem Vorbild organisierte Landwirtschaft - Trennung von Feld und Tierproduktion, keine Rohstoffe, keine Teilnahme am Ideenmarkt der Welt durch Eigen-Isolation, Null-Innovation. Solange der Bedarf des Lieferbaren nicht gedeckt war, gab es keinen Bedarf an neuen Produkten, Lieferverpflichtungen im Comecon und Bezahlung der gelieferten Güter wiederum durch Güter von geringerem Wert und ungünstigen Tauschvereinbarungen, Zugriff und Verfilzung von sachunkundiger Politik und ständig sinkendem Sachverstand der Eliten in der Wirtschaft, sind nur einige Gründe. Man kann sagen, es ist zu bewundern, was trotzdem, trotz allem ging und wie lange es dauerte.

Trotzdem: ich bin überzeugt, daß es die Warenwelt war und die Güter, welche die Menschen in der DDR in der Masse viel mehr angezogen haben als die immateriellen Dinge Freiheit, Demokratie, Abzug der Besatzung usw.

Die Waren sind das Versprechen gewesen. Die Güter und der Zugang dazu waren das ständige Magnet.

Dazu zählen auch Reisen, Handy, PC. Die nicht kaufen zu können, auch nicht Stück per Stück, weil alles andere teurer wird oder bezahlt werden muß: Energie, Wohnung, Krankheitsvorsorge, Bildung usw. erscheint als der wahre Bruch des Versprechens von den vielfach vorhandenen blühenden Landschaften.

Und, machen wir uns nichts vor: In Westdeutschland stehen die Güter und der Besitz quasi symbolisch vor den Werten. Ginge es hart auf hart, was man wirklich nicht wollen kann und auch gar nicht denken sollte, dann bin ich überzeugt, daß die Menschen, müßten sie wählen zwischen Waren und Freiheit, zwischen Demokratie und Gütern sich mehrheitlich für die Güter entscheiden würden.

An dieser Zwischenbemerkung kann man erkennen, wie wichtig Dinge für uns sind und wieviel mehr hinter der " Geiz ist Geil "- Entwicklung steht.

Es begann in Westdeutschland das Aussterben der "Tante-Emma-Läden", in Ostdeutschland ist nie eine Bindung zum HO entstanden. Der HO konnte nie die Wünsche der Menschen an Gütern befriedigen.

Die "Tante-Emma-Läden" auf Dauer auch nicht. Diese hatten vielmehr einen Erlebnis- und Zugehörigkeitswert. Dort traf man die Nachbarn, dort erlebte man Nähe und Identität. Die Waren hießen anonym Zucker, Butter, Milch etc. Die Industrie hatte aber begonnen, diversifiziert Produkte zu erzeugen. Versandhäuser kamen auf. Das breitere Angebot, die Selbstbedienung, niedrigere Preise, Konservierungseinrichtungen wie Tiefkühltruhen und eine rationalisierende Nutzenzuweisung des Autos - wenn wir es schon haben, wollen wir es auch nutzen - hat Tante Emmas Laden den Garaus gemacht, so wehmütig meine Generation davon redet.

Liebe Zuhörer! Der Garaus der Tante Emma war die Vorstufe von "Geiz ist geil".

Parallel zu Verschwinden von Tante Emmas Erlebniswelt und deren Ersatz durch Warenwelten entstanden, in der Tradition der Sozialisten, ideologische Gegenwelten. Konsum, Coop usw. Zeitweise haben diese die Hälfte der Waren und Güterverkaufstellen in Westdeutschland besessen. Dazu gehörten ihnen die Lieferanten wie die Nordsee, Südfleisch, Westfleisch, Südzucker usw. In den Sechzigern und siebziger Jahren waren die Gewerkschaften mit ihren Firmen darunter die Bank für Gemeinwirtschaft, die neue Heimat an die dritte Stelle der Reichen in Deutschland getreten, nach den beiden Kirchen und vor allen Kapitalisten. Das war eine gewaltige Gegen-Macht.

Sie ging verloren durch Funktionärswahnsinn wie heute vieles durch Managerwahnsinn, Mißwirtschaft und unsinnige Verstrickungen. In der Schweiz lebt das ähnliche Modell Migros bis heute blendend.

Das war der Verlust einer großen Chance. Die Verkaufsform der Einkaufsgenossenschaft, des Kommunikationserlebnisses. Wir sollten das einbeziehen in unsere Überlegungen wenn wir über "Geiz ist geil" reden.

Dann begann der Siegeszug der Warenhäuser, der Laden- und Franchise-Ketten, der Kaufmärkte und des Preiskriegs mit ihrem Prinzip der Profitmaximierung. Bis heute.

Ihre eigentliche Schwäche aber nahm die neue Handels-Branche mit und konnte sie bis heute nicht ausgleichen: den Verlust der Erlebniswelt von Tante Emma und Konsum, die erlebte Mitmenschlichkeit, der soziale Kontakt, der gemeinsame Wert.

Darin liegt vielleicht die Chance der Zukunft. Einer neu strukturierten Tante Emma mit niedrigen Preisen. Oder Geschäfte mit fairen Preisen ohne Werbelügen. So wie in Neuseeland beispielsweise. Aber das gehört nicht hierher.

Ich will zurückkommen auf die religiöse Bedeutung und die weltanschaulichen Komponenten von " Geiz ist geil", ehe ich mich den freimaurerischen zuwende.

Schon die heiligen Schriften zeigen eine tiefe Spaltung des Christentums in der Haltung zu Leistung und Konsum.

Das wird in der zweiten Epistel des Apostels Paulus deutlich: der Apostel Paulus schreibt an die Thessalonicher und spricht in moderner Terminologie von Leistung als Voraussetzung von Konsum. Er gipfelt mit der Feststellung: "Wer nicht arbeitet soll auch nicht essen." Die Gegenposition findet sich im Herrenwort Matthäus 6. Jesus stellt darin uns nicht nur den Erwerb von Gegenständen die über den täglichen Bedarf hinausgehen ("Schätze") als Absurdum vor, sondern verlangt eine fundamentale Gleichgültigkeit gegen die Güter: "Sehet die Vögel auf dem Felde, sie säen nicht und ernten nicht, sammeln nicht in die Scheunen und Gott euer himmlischer Vater ernährt sie doch. Seid ihr denn nicht viel mehr als sie?"

Zwischen diesen beiden Positionen liegen für uns Freimaurer die vermittelnden Aufforderungen zur Solidarität, zum Teilen und zu den guten Werken. Darauf komme ich nochmals zurück.

Der Heidelberger Soziologe Max Weber schrieb ein bedeutendes, bis heute unwidersprochenes Werk: "Die protestantische Ethik und der Geist des Kapitalismus".

Für Weber war der Kapitalismus und seine Ausbreitung kein Wirtschaftssystem der technologischen Innovation und der damit verbundenen Verdienstmöglichkeiten, sondern ein Erzeugnis der Reformation. Hört sich spannend an.

Er sprach von Entzauberung der Welt durch die rationale, naturwissenschaftliche Basis oder Hinwendung der Reformation. Ausgehend von Calvins Institution "Christianae Religionis" von 1536 zitiert er darin zahlreiche religiöse Schriften und Traktate, die lehren, daß die bewußt gewordene Chance zum "Gut leben" einen Ruf Gottes darstellt - "Calling" genannt - und daß sich Gottes Gunst am materiell meßbaren Erfolg ablesen lasse.

Das sei der Lohn der Fleißigen und Sparsamen. Wer im Leben etwas leistet, kann auch auf Belohnung im Jenseits zählen. Wörtlich sagt der Protestant, bis heute weitverbreitet auf den nördlichen Hemisphären in Europa und den USA: "Man darf für Gott arbeiten um reich zu sein".

Ich will mal sagen, wer das nicht beachtet in seiner Wirkung auf die Industrialisierung bis heute zu Donald Trump, übersieht viel und macht einen Fehler in der Analyse der Dinge.

Im Unterschied zu den katholischen Vorzeiten postulierte die Reformation nicht den Reichtum als Sünde, sondern den persönlichen Genuß desselben als das Verwerfliche.

Ausruhen auf dem Besitz mit der Konsequenz des Müßiggangs und der Fleischeslust ist Sünde. Genußvolles Verzehren von Gütern, die andere Leute freiwillig oder gezwungen erarbeitet haben, ist Sünde. Nicht weit weg von der Position der sozialistischen Sicht dieser Dinge, nicht wahr?

Das Streben nach heiligem Leben ist Arbeit, Askese und rastlose, stetige, systematische, weltliche Berufsarbeit.

Deshalb befreite Martin Luther seine später nicht richtig gern angenommene Ehefrau Katharina von Bora aus ihrem Kloster, deshalb wurden in Sachsen und Thüringen von den Protestanten die Klöster gestürmt.

Das protestantische Arbeitsethos sitzt tief in unserem Volk.

Ohne diese lutherisch-calvinistische Reformation - die Hohenzollern z.B. waren Calvinisten - würde sich der Sozialismus als Theorie nicht entwickeln haben können. Er trägt, was das angeht, starke protestantische Züge.

Deshalb, und das denke ich schon lange, ist die Nichtverfügbarkeit von Arbeit für keine Bevölkerung der Welt so nachhaltig, als für die, welche auf protestantischem Boden oder Kultur oder Wertewelt lebt.

Das Arbeitsethos, arbeiten am Werk des Herrn. Wer gläubig ist, zeigt das durch Arbeit. Nur so erkennen die andern, daß man auserwählt ist. Später wird der Gottesbezug auf den Staat oder und auf die Gesellschaft übertragen, aber immer bleibt das protestantische Arbeitsethos.

Freimauer arbeiten am Bau. Sie frönen nicht.

Tatsächlich sind die gigantischen oder angemessen großen Vermögen des Frühkapitalismus in USA, England, den Niederlanden, Preußens, Norddeutschlands, Sachsens und in Württemberg nur dort entstanden, wo der "asketische Sparzwang" herrschte, und der Staat und die Gesellschaft keine andere als eine dienende Funktion haben sollten.

Ohne diese calvinistische Ebene ist der Staat des Freimaurermeisters Friedrich II., genannt der "alte Fritz" oder Friedrich der Große, nicht vorstellbar. Ist Preußen nicht denkbar.

Rockefeller führte ein asketisches Leben und gab sonntags den Kindern Bibelunterricht. Er verschenkte nach heutigem Wert annähernd 16 Milliarden Dollar an Einrichtungen für Arme und ließ Schulen bauen usw.

Geld zu verdienen, und zu besitzen, war und ist für Protestanten dann gottesfürchtig und mit der Konsequenz der Erlösung im Himmel verbunden, wenn die Wertschöpfung den Menschen dient. Sünde ist es, die Früchte zu behalten, und zu verprassen. Von Robert Bosch bis zu Carl Zeiss haben sich viele so verhalten. Wie fast alle Freimaurer in allen Zeiten.

Geiz ist halten und horten. Die Psychoanalytiker sprechen von sogenannten "analen Charaktern". Von Gier getrieben. Keine wirtschaftlich vernünftige Verhaltensweise.

Sparsamkeit und Wirtschaftlichkeit ist die Bedingung für wirksame Nächstenliebe und gute Werke. Nicht Sparsamkeit ist Sünde, sondern der falsche Umgang mit den Früchten der Arbeit. Geiz ist Sünde. Komme ich zum Schluß nochmals drauf zurück.

Übrigens wurden beide, Bosch und Zeiss, und andere deshalb aus dem Industrieclub in Düsseldorf ausgeschlossen, weil sie Stiftungen gegründet hatten. Bis heute ist Robert Bosch eine Firma direkt im Besitz ihrer Mitarbeiter über die Stiftung. Es war der so genannte dritte Weg. Kommunisten und Finanzkapitalisten haben diesen eifersüchtig zerstört. Aber auch das gehört nicht hierher.

Aber es trug diese Ethik auch den Keim der Selbstzerstörung in sich. Den Besitzgeiz und die Habgier dann, wenn die Werte sich um einen Menschen gesammelt hatten.

Bei Vereinigungen wie den Herrenhutern, der Calwer Mission der Pietisten, zu denen die Familie Hesse gehörte, war das anders.

Also je reicher der Asket wurde, desto geiziger und habgieriger, desto hochmütiger. Schon damals verfielen die Vanderbilts und andere Größen der Ostküste dem Steuerbetrug, also der kriminellen Weigerung des Teilens, der Korruption, der Verhinderung des Wettbewerbs, der Hungerlöhne, mit der Folge, daß die Leute nichts mehr kaufen konnten und so auch die großen Vermögen dieser Zeit sich auflösten.

Erst mit einem Freimaurer, Henry Ford, kam wieder einer vom Kaliber Rockefeller - der Name kommt aus der Pfalz, Roggenfelder. Er gab den Menschen den Lohn und Autos, die sie kaufen konnten. So entstand die Massenproduktion als Voraussetzung und Folge von Massenkonsum.

Der Wiederaufbau in Westdeutschland mit seiner Rastlosigkeit, seinem hohen Arbeitsethos und der Askese eines Teils seiner Pioniere brachte eine Neuauflage der protestantischen Ethik.

Dem folgte ein Umschlag der leistungsorientierten Menschen zur Anspruchgesellschaft, dann zur Selbstverwirklichung und Individualgeneration. Schließlich zur "Generation Golf" in den Achtzigern. Die kapitalistische Arbeitsmoral wurde ihres geistig religiösen Fundaments beraubt und es entstand eine Kultur, in der schneller Konsum legitim und wünschenswert ist.

So entstand der Nährboden für den geilen Geiz.

Todsünden - das ist ein verstaubter Begriff aus der Mottenkiste der Religion, entstanden im Hirn mittelalterlicher Mönche. Ja, ist das so?

Nein, nein, die sieben Todsünden sind eine zeitlose Beschreibung der dunkelsten Seiten im Menschen.

Sieben Todsünden? Hatten wir die Zahl nicht schon mal heute?

Sieben Todsünden beginnen meist als kleine harmlose Impulse. Wer sie aber nicht erkennt und sich von ihnen weiter treiben läßt, endet in der Katastrophe. Wie heißen nun die sieben Todsünden? Das wissen wenige. Wird verdrängt heutzutage.

Die sieben Todsünden

SUPHERBIA - Hochmut

AVARITIA - Geiz

INVIDIA - Neid

IRA - Zorn

ACEDIA - Trägheit, Faulheit

GULA - Völlerei

LUXURIA - Wollust, Gier

Ich will jetzt nur die Todsünde Geiz und Habsucht beschreiben.

Das Wort klingt - obwohl wir uns den Werbesprüchen vom "geilen Geiz" und drumrum schon fast gewöhnt haben, und dem Wort geil eine positive Bedeutung gegeben haben - auch für heutige Ohren unangenehm. Geizhälse waren immer negative Figuren.

In antiken Fabeln ebenso wie in Balzacs Romanen oder wie Molieres Stück "Der Geizige", jüngst im schwäbischen Mundarttheater der "Entnklemmer" oder in Walt Disneys Comics mit dem Uncle Scrooge, bei uns Dagobert genannt, der geizige Onkel.

Sigmund Freud, der vielleicht auch eine etwa gleichlautende Anschauung bei Pythagoras kannte, erkannte 1908, daß es zwischen zwanghafter Reinlichkeit, Eigensinn und Geiz einen Zusammenhang gibt. "Der bekommt den Hals nicht voll" sagen wir über Menschen, denen das Erreichte nie genug ist - zum Beispiel wenn Superreiche die Steuern hinterziehen. Sie ersticken daran.

Wie aktuell ist also die Todsünde Avaritia. Große Verbrechen werden im Namen des großen Geldes begangen. Bestechungsaffären, Steuerhinterziehungen, goldene Handschläge wie jüngst beim Karstadtvorstand oder der Vodafon. So was läßt sich alles herunterspielen.

Wenn aber Drogenbarone über Leichen gehen, Landwirte gegen Honorar auf ihren Feldern hochgiftige Abfälle entsorgen, Ölmultis mittels Drittlandflaggen wie Panama mit ungesicherten Kähnen die Meere vergiften, Global Players die Ölfelder plündern, Deutsche Chemiefirmen, Deutsche Waffenfirmen Giftgas und Waffen an Tyrannen verkaufen - "wenn wir es nicht tun machen's andere und man denke an die Arbeitsplätze" - wenn das alles und vieles andere geschieht, erkennt man die teuflische Gestalt von Geiz und Habgier und ihre Gefahr, wenn sie "salonfähig" gemacht und zur Tugend verkehrt wird.

Ich möchte Ihnen eine neue Liste der sieben Todsünden vorstellen, eine die an den Wänden der Logen angebracht werden könnte, die von Mahatma Ghandi formuliert worden ist. (Unter den engsten Mitarbeitern Ghandis befanden sich auch viele Freimaurerinnen und Freimaurer.) Diese Todsünden sind:

1. Reichtum ohne Arbeit

2. Genuß ohne Gewissen

3. Wissen ohne Charakter

4. Geschäft ohne Moral

5. Wissenschaft ohne Menschlichkeit

6. Religion ohne Opferbereitschaft

7. Politik ohne Prinzipien

Wir Freimaurer stehen nicht auf der Seite einer Religion, einer Weltanschauung, einer Moral oder einer Theorie.

Freimaurer sind Eklektiker. Das sind diejenigen, die weder auf ein eigen geschaffenes, noch auf ein oder auf einem einheitlichem Prinzip ruhenden philosophisches oder religiöses System setzen, noch sich einem einzelnen Philosophen oder Religion anschließen. Dennoch haben wir eine weitgehende Akzeptanz gegenüber folgendem:

- Die Quelle des Lebens ist ein unendlicher, sich immer wiederholender, auf Veredlung ausgerichteter Schöpfungsgeist.

- Jeder Mensch ist Schöpfer, Träger und Überwinder seines Schicksals.

- Glück und Zufall sind nur Bezeichnungen für das noch nicht erkannte Gesetz.

- Jede Wirkung hat eine Ursache - jede Ursache eine Wirkung

- Das oben ist wie unten. Unten wie oben. Innen wie außen. Groß wie klein.

- Für alles was es auf der Welt gibt, gibt es auf jeder Ebene eine Entsprechung. Man kann daher im Großen das Kleine erkennen und im Kleinen das Große.

- Gleiches zieht Gleiches an und verstärkt sich durch gleiches.

- Ungleiches stößt aneinander ab.

- Negativität zieht Negatives, Dunkles das Dunkle an.

- Helles sucht das Helle.

- Gutes das Gute.

- Der Fluß allen Lebens heißt Harmonie.

- Alles strebt zum Ausgleich.

- Durch Horten und Festhalten entsteht ein Stau. Im Stau lauern Krankheit und Tod.

- Leben ist Austausch und Bewegung. Geben und nehmen. Gib, so wird Dir gegeben.

- Bereichere Dich nicht auf Kosten anderer. Deshalb: Gib und Du bekommst.

- Alles fließt hinein und wieder hinaus. Alles weitet sich und schrumpft.

- Alles besitzt seine Gezeiten, steigt und fällt.

- Alles ist Energie und Schwingung.

- Alles was starr ist, muß zerbrechen.

- Alles besitzt Pole.

- Alles ist ein Paar von Gegensätzen.

- Gleich und Ungleich dasselbe.

- Die Gegensätze sind von ihrem Wesen her gleich. Sie tragen nur sich entgegen gesetzte Vorzeichen.

Unter diesen Maßstäben betrachtet ist "Geiz ist Geil" und was es bedeutet, gänzlich und in jeder Weise unfreimaurisch.

Beide Begriffe und ihre Inhalte stehen im Gegensatz zu unserem Vorhaben und unseren Werten.

Geiz, das ist nicht Sparsamkeit oder ökonomisches Handeln, Bescheidenheit und Demut. Geiz ist das Gegenteil von wirtschaftlicher Vernunft.

Geiz, das ist für uns in seinen Wirkungen nach außen sowie nach innen menschenfeindlich und lebensbedrohlich.

Im Festhalten und Horten entsteht tödlicher Stau nach außen und nach innen. Das hat eine persönliche, eine betriebswirtschaftliche und eine nationalökonomische Seite.

Der geizige Mensch wird krank. Körperlich und seelisch. Er bereichert sich auf Kosten anderer, und hält den Fluß der Dinge auf. Er paßt sich diesem Fluß nicht an. Er verweigert den andern in seiner Welt die Beteiligung an der gemeinsamen Wertschöpfung. Das ist böse und verkürzt den Segen des Tuns.

Freimaurerisches Tun ist, gegen die Anfechtung des Geizes in jedem inneren Anflug zu kämpfen. Arbeiten heißt der maurische Ruf in den Tempel der Humanität.

"Geil" ist als Wort ein Adjektiv. Es heißt auch: unbefriedigt, disharmonisch, lauernd, aggressiv. Geiz und geil sind zwei böse Worte. Geil richtet sich auf Objekte, projiziert sich auf etwas, auf eine Sache.

Geil ist nicht Lust, sondern Gier. Habgier. Geil ist eine unserer animalischen Seiten.

Das könnte uns nicht beschäftigen, man könnte abwinken, den Bohlen zu dem erklären, was er vermutlich ist und ihn bedauern, würde das keine erfolgreiche Kampagne sein - griffig und erfolgreich.

Das Bedrohliche ist die Tatsache seiner offenbarenden Wirkung. Das ängstigt mich. Diese spiegelt den Zustand einer Gesellschaft wider, in der ich nicht will, daß meine Enkel leben müssen.

Diese Parole ist böse. Aber sie wirkt. Das ist der Punkt meines Entsetzens.

Die Gesellschaft, die das reflektiert, ist eine Gesellschaft, die mich an eine Geschichte aus dem heiligen Buch des Wissens erinnert, die mich schon als Kind erschüttert und geängstigt hat.

Damals kam ein Missionszelt in unsere schwäbische Kleinstadt. Das zog mich an wie Zirkus. Jeden Mittag wurde die Bibel erzählt, aber spannend anders als der salbadernde Pfarrer mit seinem Pfarrhausschwäbisch und dem erhobenen Zeigefinger und der ständigen Drohung, sein Gott sähe alles und in mich und durch mich hindurch. Den mochte ich nicht. Den Pfarrer und seinen Gott. Vor dem hatte ich nur Angst.

Dann kam sie, die Geschichte aus Exodus 32, Altes Testament. Der Kampf ums goldene Kalb. Was hat mich diese Geschichte entsetzt. Moses hatte die Israeliten aus der ägyptischen Hölle, durchs brausende Meer geführt, und dann das. Das Volk verfiel in Anklagen und Gejammer und dann in unmenschliche Orgien bei denen nicht Lust aller, sondern Gewalt über andere - Frauen, körperlich Schwache - Pate stand. Da habe ich geweint. Hemmungslos. Ich weiß es noch wie heute. Bin fast verzweifelt durch die Gassen des harsch protestantischen Städtchens auf der schwäbischen Alb gelaufen, und nie mehr ins Missionszelt gegangen.

Nun habe ich gelernt wie archetypisch die Geschichte und ihr Verlauf ist. Gelernt, daß die Entwicklung nicht dialektisch nach oben und vorn, runter oder rauf zeigt, sondern das alles wiederkehrt, kommt und geht.

Ja, da wünsche ich mir andere Trends und Wiederkommer.

Da gibt es Trends der Hoffnung!

250 000 Menschen haben über Bücher abgestimmt. Erstaunlicherweise unter den zehn besten, meistgelesenen Bücher fast ausschließlich solche, die uns Freimaurern nahestehen. Klar: "Faust" vom Bruder Johann Wolfgang von Goethe. Klar: "Der Alchemist" von Bruder Paulo Coelho, und dann aber die Geschichten um die neuen Mythen.

Hunderte Millionen junger Menschen scheinen zu ahnen, worauf es ankommen wird in der Zukunft.

Was lockt Millionen und Aber-Millionen Begeisterte zu "Harry Potter" und zum "Herrn der Ringe" in die Kinos?

Es ist die tief in den Menschen sitzende Sehnsucht nach einer besseren, gerechteren Welt der Menschen. In der kommt "Geiz ist geil" nicht vor.

Betrachten wir Frodo und Sam im "Herrn der Ringe". Ihre größte Herausforderung ist es, den Ring der Macht zum Schicksalsberg zu bringen. Die Versuchung liegt darin, die Macht des Rings für sich persönlich zu gebrauchen, anstatt ihn seinem Schicksal gemäß zu verwenden.

Wie viele Schwierigkeiten könnten sie beide durch eigennützigen Gebrauch ganz einfach lösen und wie viele andere Wesen könnten sie sich dadurch problemlos unterwerfen!

Der Ring als Symbol der Macht hat eine Bestimmung, ein Schicksal, ein Gesetz. Und dieses Gesetz besagt, daß Macht niemals eigennützig verwendet werden darf, sondern nur im Interesse der Beherrschten.

Und betrachtet man die Geschichten um Harry Potter genauer, so gewinnt er seine Abenteuer nie durch Zauberei, sondern nur durch seinen Mut, seine Ehrlichkeit und die Treue zu seinen Freunden.

Die Geschichten beginnen jeweils in einer Zeit, in der Ungerechtigkeit, Lüge und Dunkelheit herrschen. Ein Großteil der Menschen gibt sich mit dieser Situation zufrieden, betrachtet sie als unabänderlich. Einige wenige Idealisten finden sich mit diesen Ungerechtigkeiten aber nicht ab. Sie sehen, dass Lüge und Ungerechtigkeit eine große Bedrohung darstellen. Deshalb nehmen sie einen Auftrag an. Sie beschließen, für das Gute in den Kampf ziehen.

Um den Auftrag erfolgreich ausführen zu können, müssen sie sich ihren eigenen dunklen Seiten stellen: Ihrer Angst, ihrer Feigheit, ihrem Egoismus oder ihrem Stolz. Indem sie diese Feinde besiegen, werden sie mutiger, großzügiger, bescheidener. Durch diesen Triumph erst werden sie zu Helden. Die Belohnung ist die Wiederherstellung der Gerechtigkeit und Wahrheit in der Welt.

Die Verwandlung des Helden bedeutet Anstrengung. Um mutiger zu werden, muß man seine Angst besiegen, und um großzügiger zu werden seinen Geiz, seinen Egoismus. Und Kraft muß man auch entwickeln, um den Versuchungen der Macht, der Bequemlichkeit oder des Stolzes zu widerstehen.

Aber vielleicht erwacht der eine oder andere mit Neo aus seinem Traum in der Matrix. Vielleicht verläßt er mit Frodo und Sam sein Auenland und reist mit ihnen nach Mordor, zu seinen eigenen dunklen und unbekannten Seiten. Und vielleicht erobert dessen Durchhaltevermögen angesichts widrigster Umstände das Ziel.

Das sind alles junge Freimaurer ohne Schurz, verehrte Zuhörer. Mir ist bang vor einer Welt des "Geil ist geil" und der Bohlens und Milch-Müllers. Der Ackermanns und Abels. Der Krenzs und Modrows. Das sind in Wahrheit die von gestern.

Die Welt dreht sich weiter.

Hurra, die Jungen sind schon weiter! Sie kehren zurück zu den Idealen und Idealisten.

Herzlich willkommen bei den Freimaurern.

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Maja Ottnad schrieb am 17.09.2012 um 18:38 Uhr:
Vielen Dank für Ihren wunderbaren, umfassendenVortrag!
Wenn man Hunger nach Geist hat und dann ihren Vortrag liest, wird man wirklich satt!
Danke!
Manfred Reimann schrieb am 18.04.2012 um 19:17 Uhr:
Meinen allergrößten Respekt.

Mir war ganz und gar nicht bewusst, dass es in der heutigen Zeit noch Menschen gibt, bei denen Intelligenz, Intellekt und Emotionale-Intelligenz noch in einem so hohen Maße vorhanden ist.

Zudem meinen Respekt dafür, all das gefühlte Erleben, somit das Wissen in sinnvolle Worte und Sätze zu fassen.

Wenn sich jeder Schüler, Auszubildende und /oder Geselle seinen Meister selbst aussuchen dürfte, meine Entscheidung würde auf Sie fallen.

E-Mail: mh.reimann@gmx.de


MfG, Manfred Reimann
Gökan Gül schrieb am 30.03.2011 um 14:45 Uhr:
FANTASTISCHER VORTRAG!!!
Ich danke Ihnen für den tiefen Einblick in ihr umfangreiches Wissen.


M. Wieggrebe schrieb am 19.01.2011 um 18:27 Uhr:
So viel Wissen - würden doch mehr Menschen suchen, finden, sich die Zeit nehmen diesen Artikel zu lesen und die Intelligenz und geistige Reife besitzen das Gelesene zu verstehen.
Vielen Dank für diesen Vortrag.
peter röß schrieb am 09.10.2009 um 12:58 Uhr:
hochachtung vor soviel intelligenz! ein tiefes wissen und eine natürliche ethik steckt in diesem beitrag - vielen dank dafür

Schreiben Sie Ihre Meinung zu diesem Vortrag:
(Wird hier, unter dem Vortrag veröffentlicht.)

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